Online-Coaching – Coaching zweiter Klasse?

Kann ein Coaching über einen Bildschirm genauso intensiv sein wie ein persönliches Gespräch?
Oder fehlt online genau das, was Coaching eigentlich ausmacht – Nähe, Verbindung und das Gefühl, wirklich miteinander in einem Raum zu sein?
Diese Frage finde ich spannend, weil ich beide Seiten kennengelernt habe.
Während meiner Coaching-Ausbildung habe ich Coachings sowohl digital als auch in Präsenz erlebt.
Und bevor ich diese Erfahrung gemacht hatte, hätte ich vermutlich angenommen: Wenn es wirklich persönlich und emotional wird, ist ein Coaching vor Ort automatisch die bessere Variante.
Heute sehe ich das anders.
Nähe hat nicht unbedingt etwas mit Entfernung zu tun
Natürlich hat ein Coaching in Präsenz Vorteile.
Coach und Klient sitzen sich unmittelbar gegenüber.
Körpersprache, Gestik und kleine Veränderungen sind direkt wahrnehmbar.
Es gibt keinen Bildschirm und keine Technik zwischen zwei Menschen.
Das kann sich sehr persönlich und verbindlich anfühlen.
Aber bedeutet das automatisch, dass ein Coaching dadurch intensiver oder effektiver ist?
Nach meiner Erfahrung: nein.
Denn gerade wenn wir im Coaching nicht nur über ein Problem sprechen, sondern uns mit Gefühlen, inneren Bildern oder unbewussten Prozessen beschäftigen, spielt noch etwas anderes eine entscheidende Rolle:
Wie sicher und wohl fühle ich mich in diesem Moment?
Und genau hier kann Online-Coaching einen überraschenden Vorteil haben.
Der vielleicht größte Vorteil: Ich bin in meiner eigenen Umgebung
Für ein Coaching vor Ort muss ich irgendwohin fahren.
Ich betrete fremde Räumlichkeiten, sitze vielleicht auf einem Stuhl, den ich nicht besonders bequem finde, höre Geräusche auf dem Flur oder nehme viele Dinge in meiner Umgebung wahr.
Für manche Menschen ist das vollkommen unproblematisch.
Andere brauchen erst einmal Zeit, um wirklich anzukommen.
Beim Online-Coaching kann ich mir mein Setting dagegen selbst gestalten.
Ich kann mir einen Ort suchen, an dem ich mich wohlfühle.
Einen bequemen Sessel oder Stuhl.
Vielleicht eine Decke.
Etwas zu trinken.
Das Handy auf lautlos.
Die Tür geschlossen.
Kurz gesagt:
Ich kann mir zu Hause meinen eigenen geschützten Coachingraum schaffen.
Und ich halte das gerade bei emotionaler Arbeit für einen nicht zu unterschätzenden Vorteil.
Warum ich sogar ein Headset empfehlen würde
Was zunächst nach einem technischen Detail klingt, kann einen deutlichen Unterschied machen.
Ich persönlich halte ein Headset oder gute Kopfhörer beim Online-Coaching für sehr hilfreich.
Warum?
Weil dadurch ein Teil der Außenwelt verschwindet.
Geräusche im Raum treten in den Hintergrund.
Die Stimme des Coaches ist unmittelbar am Ohr.
Ich muss nicht auf einen Lautsprecher hören und kann die Augen schließen, ohne das Gefühl zu haben, den Kontakt zu verlieren.
Gerade wenn es darum geht, aus dem reinen Denken herauszukommen,
Gefühle wahrzunehmen,
mit inneren Bildern zu arbeiten oder in eine Trance zu gehen,
kann dieses reduzierte Setting sogar sehr angenehm sein.
Der Bildschirm muss dann überhaupt nicht mehr im Mittelpunkt stehen.
Manchmal kann genau das Gegenteil passieren:
Die räumliche Distanz wird größer – und die Aufmerksamkeit nach innen gleichzeitig intensiver.
Online-Coaching braucht allerdings Vorbereitung
Ganz so einfach wie „Laptop auf und los“ ist es für mich trotzdem nicht.
Damit ein digitales Coaching wirklich gut funktioniert,
sollten ein paar Voraussetzungen stimmen.
Die Technik sollte vertraut sein.
Ich sollte wissen, wie Kamera, Mikrofon und das verwendete Programm funktionieren.
Wenn ich während des Coachings ständig überlegen muss,
welchen Knopf ich drücken soll oder warum der Ton nicht funktioniert,
entsteht unnötige Unruhe.
Noch wichtiger finde ich aber die Vorbereitung des Raumes.
Ich würde mir für ein Online-Coaching bewusst Zeit nehmen:
Einen ruhigen Ort suchen.
Bequem hinsetzen.
Getränke bereitstellen.
Störungen möglichst ausschließen.
Vielleicht schon zehn Minuten vorher zur Ruhe kommen – und nicht zwei Minuten vor Beginn noch die Spülmaschine ausräumen, eine E-Mail beantworten und dann hektisch den Laptop aufklappen.
Denn nur weil ich für ein Coaching nicht das Haus verlassen muss, bedeutet das nicht,
dass ich mich innerlich nicht auf den Termin vorbereiten sollte.
Und dann gibt es natürlich die ganz praktischen Vorteile
Online-Coaching spart Fahrzeit und Fahrtkosten.
Coach und Klient müssen nicht am selben Ort wohnen.
Dadurch kann ich mir einen Coach danach aussuchen, ob die Person und die Arbeitsweise zu mir passen – und nicht danach, ob die Praxis zufällig innerhalb von 30 Kilometern liegt.
Auch Termine lassen sich häufig leichter miteinander vereinbaren.
Aus einem 90-minütigen Coaching werden nicht automatisch zweieinhalb Stunden,
weil Hin- und Rückfahrt dazukommen.
Gerade bei einem vollen Alltag kann das entscheidend sein.
Und einen Vorteil finde ich nach intensiven Sitzungen besonders angenehm:
Ich muss danach nirgendwo mehr hin.
Ich kann den Laptop schließen und noch einen Moment sitzen bleiben.
Vielleicht etwas trinken, eine Runde spazieren gehen oder einfach das Erlebte nachwirken lassen.
Ich muss nicht unmittelbar nach einer emotionalen oder tiefen Trancearbeit ins Auto steigen und mich wieder auf den Straßenverkehr konzentrieren.
Aber ist online wirklich für jeden geeignet?
Nein.
Es gibt Menschen, die den persönlichen Kontakt im selben Raum brauchen.
Menschen, denen es leichter fällt, sich zu öffnen, wenn ihnen tatsächlich jemand gegenübersitzt.
Andere wiederum fühlen sich gerade in den eigenen vier Wänden sicherer und können dort leichter loslassen.
Auch die Methode spielt eine Rolle.
Nicht jedes Coachingformat lässt sich gleichermaßen sinnvoll digital durchführen.
Und selbstverständlich muss ein Coach auch beurteilen können, wann ein Online-Setting fachlich nicht passend ist.
Deshalb würde ich aus meiner Erfahrung kein „Online gegen Präsenz“ machen.
Die entscheidende Frage lautet für mich nicht:
Welche Form ist grundsätzlich besser?
Sondern:
In welchem Setting kann dieser Mensch am besten arbeiten, sich sicher fühlen und sich
wirklich auf seinen eigenen Prozess einlassen?
Mein persönliches Fazit nach beiden Varianten
Nachdem ich meine Coaching-Ausbildung sowohl digital als auch in Präsenz erlebt habe,
ist für mich eines ziemlich klar:
Online-Coaching ist kein Coaching zweiter Klasse.
Ein Bildschirm verhindert keine echte Verbindung.
Und räumliche Nähe garantiert umgekehrt noch keine emotionale Nähe.
Entscheidend sind für mich die Beziehung zwischen Coach und Klient,
Vertrauen, die Qualität der Begleitung und ein Setting, in dem der Klient sich sicher genug fühlt,
um sich wirklich einzulassen.
Deshalb würde ich heute nicht mehr automatisch sagen:
„Ein persönliches Coaching ist intensiver.“
Ich würde eher fragen:
„Wo kannst du besser bei dir selbst ankommen?“
Für den einen ist das ein geschützter Coachingraum vor Ort.
Für den anderen ist es der eigene Lieblingssessel, eine geschlossene Tür, Kopfhörer auf den Ohren – und eine vertraute Stimme, die ihn durch seinen Prozess begleitet.
Vielleicht ist Nähe manchmal eben gar keine Frage von Kilometern.




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